In Fahrt

Auf der Autobahn ist nicht viel Verkehr, in Germany herrscht am Sonntag Fahrverbot für Lkws. Ich bin froh darüber. Das rote Auto, das meine Mutter mir vor über zehn Jahren überlassen hat, ist klein und hebt sich so wenig von der Straße ab, dass mein Hintern jede Unebenheit im Asphalt zu spüren bekommt.

Hundert Kilometer pro Stunde, bei mehr Gas dreht der alte Motor durch. Rechts und links freie Sicht auf Felder und Dörfer in der Ferne. Im Vorbeirauschen wirkt jede Ausfahrt, die nicht zur Herkunft führt, wie ein Heilsversprechen. Der Raps blüht, eine Herde Schafe auf der Wiese. Ich halte Ausschau nach den Schwarzen unter ihnen und frage mich, ob das für oder gegen mich spricht.

In der Familie meiner Mutter ist nicht sie, sondern ihr Bruder der Versager. Gemessen an den Erwartungen der Gesellschaft, in der ihre Eltern ihr Dasein bestritten. Fünf, sechs Jahre älter als sie, meine Großmutter wechselte über Jahrzehnte kaum ein Wort mit dem Jungen. Er hatte sich in der Mitte seines Lebens, verheiratet, zwei Kinder, Hals über Kopf in die Putzfrau eines Kollegen verliebt, die aus Namibia stammte. Ich muss da so zehn, elf Jahre alt gewesen sein und wunderte mich, warum mein Onkel sich nicht länger auf Familienfesten blicken ließ. Meine Mutter erklärte, ihr Bruder sei schon immer ein „undankbarer Prolet“ gewesen. Obwohl er, fliehendes Kinn, dicke Brillengläser und Goldkette um den verschwitzten Nacken, ihrem geliebten Vater verblüffend ähnlich sah. Ich glaubte ihr, schließlich war sie diejenige, die von ihren Eltern „Bienchen“ genannt wurde und ihnen einmal pro Woche bei uns zuhause Kaffee und Kuchen servierte.

Einmal hörte ich auf dem Weg zur Küche, meine Mutter hatte im Wohnzimmer Besuch von einer Freundin und ihr Vater war längst tot, dass mein Onkel noch ein Kind gezeugt hatte und meine Großmutter sich weigerte, es zu empfangen. Und wenn sie Umschläge im Briefkasten mit Fotos ihres Enkels drin entdeckte, sie gleich in die Tonne werfe. Der Familiensaga ist so ein Verhalten eingeschrieben. Ihr Vater hatte seine Sekretärin sogar mit in den Urlaub an den Strand einer Nordseeinsel genommen, verunglückte jedoch in seinem Auto, bevor er die Schande des Ehebruchs auf die Spitze der Fortpflanzung treiben konnte.

Je älter ich wurde, desto grausamer fand ich dieses ablehnende Verhalten dem Sohnemann gegenüber. Ich meine, ohne die bedingungslos Liebe einer Mutter sind wir doch alle verloren.

Ich schaue auf Google Maps, vor mir liegt noch eine gute Stunde bis zur Ankunft im Krankenhaus.

Das letzte Mal habe ich meine Mutter auf der Geriatrie Station in Haus 9, vierter Stock vorgefunden. Sie trug einen Kittel, der auf ihrem Rücken zusammen gehalten wurde, und beschwerte sich darüber, dass die Sanitäter ihr keine Zeit gelassen hatten, einen Koffer mit frischen Unterhosen zu packen. Dem Bericht ihrer Mitbewohnerin zufolge, habe sie in der Früh neben einem Abschiedsbrief auf dem Teppichboden neben dem Bett gelegen und sei kaum ansprechbar gewesen. Das Zimmer im Krankenhaus musste sie sich mit zwei anderen Frauen teilen. Die, die direkt gegenüber ihres Bettes lag, „wird künstlich ernährt“ und „hat die ganze Nacht geschrien“, schimpfte meine Mutter und forderte mich auf, ihr Ladekabel, den geblümten Schlafanzug und Bademantel aus dem Haus zu holen. Ihre Stimme klang wie die eines Besoffenen, nicht besonders freundlich.

Auf dem Flur vor der Zimmertür traf ich auf die Enkelin der Zimmernachbarin. Sie war in meinem Alter und erzählte mit Tränen in den Augen, ihre Omi habe schon seit über eine Woche die Nahrungsaufnahme im Pflegeheim abgelehnt, sich beim Gang zum Klo vor zwei Tagen nur leider die Hüfte gebrochen. „Das heißt, sie wollte eigentlich sterben?“ fragte ich. „Ich glaube schon, sie ist 97 Jahre alt, sie hat auch eine Patientenverfügung, in der sie lebensverlängernde Maßnahmen ablehnt.“ „Das ist ja schrecklich“, erwiderte ich, „dann solltest Du Dich dringend mit den Ärzten darüber verständigen, sie in Würde sterben zu lassen. Alten Menschen darf man die Entscheidung über ihr eigenes Lebensende nicht wegnehmen.“ Ich glaube, ich klang sehr energisch.

Ich öffne Safari und versuche mit einer Hand „Klinik Hansdorf“ einzugeben. Ein BMW nähert sich mit hoher Geschwindigkeit von hinten, ich blinke und wechsle auf die rechte Fahrbahn. Ein Wohnmobil verlangsamt meine Fahrt fürs Erste.

Vielleicht kriege ich eine Schwester an den Apparat, die mir Auskunft darüber geben kann, ob meine Mutter überhaupt eine Zahnbürste dabei hat.

Im Radio läuft Deutschlandfunk, ein Polizist erzählt, er habe eine Morddrohung auf seinem Schreibtisch in der Wache entdeckt mitsamt Kugel im Umschlag. Die ballistische Untersuchung habe das Projektil als TR-konforme Einsatzmunition identifiziert, die charakteristische Spuren einer behördlich geführten Dienstwaffe aufweist. Mit anderen Worten von einem Kollegen auf seinem Schreibtisch platziert worden sein musste. „Hatten Sie Angst?“ fragt ihn die Moderatorin. Ich verringere die Lautstärke seiner Stimme und nenne dem Mitarbeiter der zentralen Telefonstation Name und Geburtsdatum meiner Mutter.

Wie immer denke ich zuerst an den 11. und nicht an den 12. Oktober, ein Mann aus Paris, in den ich in meinen Zwanzigern sehr verliebt war, hat einen Tag vor meiner Mutter Geburtstag. Pardon.

„Ja, hallo, sind Sie noch dran? Ihre Mutter liegt auf der IT im Haus 2. Moment, ich verbinde Sie.“ Eine Melodie, die ich keinem Stück zuordnen kann. „Ja, Guten Tag, ich bin die Tochter von Frau und habe mich gefragt, ob ich vor meinem Besuch vielleicht noch einmal in ihrem Haus vorbeifahren und ein paar Sachen holen sollte.“ Am anderen Ende die Stimme eines Mannes. „Ja, nun ja, ihre Mutter liegt auf der Intensivstation.“ „Auf der Intensivstation? Achso. Warum?“ „Sind Sie jetzt auf dem Weg?“ „Ja, ich sitze im Auto.“ „Wie lange brauchen Sie noch?“ „Ich weiß es nicht, eine Stunde oder so, je nach dem, ob ich vorher noch mal zu ihr nach Hause fahre. Hat sie denn ihre Zahnbürste dabei?“ „Also ihre Mutter braucht keine Zahnbürste mehr.“ „Wie meinen Sie das?“ „Ihre Mutter erreichte mich als medizinischer Notfall aufgrund einer Intoxikation, also einer Überdosierung von Medikamenten.“ „Ja, sie hat das schon mal gemacht vor eineinhalb Jahren, da war sie auch etwas benommen.“ „Wir gehen davon aus, dass sie eine große Menge an Tabletten genommen hat, darunter Zolpiden, Lorazepam und vermutlich Fentanyl. Wir haben versucht, die Wirkung mit spezifischen Antidoten, also medikamentösen Gegenmitteln, aufzuheben. Leider hat die Patientin darauf nicht reagiert. Sie wurde intubiert und befindet sich in einem tiefen, schlafähnlichen Zustand. Zudem ist eine große Menge Mageninhalt in die Atemwege gelangt. Ich habe die Lunge so weit es ging, gereinigt und von den Fremdkörpern befreit, gehe aber davon aus, dass sie in den kommenden Stunden eine schwere Pneumonie, also Lungenentzündung entwickeln wird.“ Pause. „Aber kommen Sie erst einmal her, ich erkläre Ihnen das in aller Ruhe.“ „Okay, gut, Danke, dann bis gleich.“

Ein paar Minuten vergehen. Autos rasen an mir vorbei. Ich starre auf die Mountainbikes, die am Heck des Wohnmobils hängen, und fange an zu stöhnen wie eine Gebärende.

Die erste Wehe steigt wie Magma aus den Tiefen der Erde in mir auf, mir bleibt nichts anderes übrig als den Mund aufzureißen und zu brüllen. Meine Hände zittern, ich umklammere das Lenkrad. Neunzig Kilometer pro Stunde fühlen sich an wie Höchstgeschwindigkeit, ich werde jeden Moment in die Leitplanke rasen und aus dem roten Auto meiner Mutter geschleudert werden.


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