Ich sitze am Schreibtisch, umringt von nem Haufen zerknüllter Rechnungen und Kassenbons. In den nächsten Stunden muss ich sämtliche Ausgaben des vorletzten Kalenderjahres für meine Steuererklärung auflisten. Der Tag ist etwas zu schön für eine Reise in die Vergangenheit, einer der ersten des Jahres, in dem die Sonne den Winter verdrängt. Ich öffne den Laptop, irgendwo musste es eine Vorlage für eine Excel-Tabelle abgespeichert sein.
Emeric taucht im Türrahmen zwischen Schlaf-und Wohnzimmer auf. „Wir gehen gleich auf den Spieli“, ich nicke dankend. Sechs Jahre nach der Geburt unseres Sohnes begreift er endlich, wann er mich in unserer Altbauwohnung in der Beletage alleine lassen sollte. Auf dem Balkongeländer vor dem Fenster eine Krähe, die Tiere beherrschen unser Viertel wie Könige zu Zeiten des Absolutismus.
In Deutschland leben zwei Arten von Krähen, habe ich neulich in einem Tierbeitrag gelernt. Die mit dem grauen Gefieder an Bauch und Rücken und die durch und durch Schwarzen. Ihre Jagdgebiete liegen entzweit wie einst das ganze Land entlang einer Grenze, hier der Osten, da der Westen. Einmal soll es aus Versehen zu einer Paarung gekommen sein. In der Zwischenzone. Der Nachwuchs verendete jedoch nach einer Generation. Es hat sich keine Krähe gefunden, die in ihm, zu grau für die Schwarzen, und zu schwarz für die Grauen, einen Artgenossen erkennen konnte.
Ich ziehe einen Zettel aus dem Haufen: 170 Euro für 7x Fiano Salento ZH, 2x Wasser, 1x Olive, 1x Calamari grill, 1x Insalata Di carc, 1x Ravioli, 1x Pesce, bezahlt um 23:45:04 am 03.07.2024 im Restaurant Zum heiligen Teufel.
Ich hatte den lauen Sommerabend längst vergessen, den ich mit Claudia verbracht hatte. Nach Sonnenuntergang im Licht einer Kerze am anderen Ende der Stadt erzählte sie mir, sie sehne sich nach Berührungen, die nicht aus Grapschen bestehen. Ich kann das nachvollziehen. Sie hat nicht nur ein, sondern zwei Kinder und einen Ehemann, der gerne kifft. Eine Tantra-Massage sei vielleicht das richtige, überlegte sie. In der Nähe gebe es ein Studio, in dem die Masseure nicht wie notgeile Althippies wirken. „Schau mal“, sie hielt mir ihr Handy unter die Nase. Frauen, tätowiert, lange Haare, hübsche Gesichter, bestimmt zehn Jahre jünger als wir, aufregendes Lächeln, nicht zu höflich, in der Tat.
Ich trage 170 Euro in die Tabelle ein und denke: Im Grunde sind Bewirtungsbelege wertvoller als Tagebucheinträge. Als Jugendliche habe ich ausschließlich über Gefühle geschrieben und bereits eine Woche später schon nicht mehr in der Welt verankern und mit konkreten Menschen, Taten oder Orten in Verbindung bringen können. „Ich versinke im Abgrund“, „die Angst schreit“, „ich verstumme in den Weiten des Universums“ habe ich notiert. Die Jugend pflegt eher eine Beziehung zum Kitsch als zur Literatur.
Ich klebe die Rechnung auf ein Stück Altpapier. Der Name Jansen leuchtet lautlos auf meinem Telefon auf. Meine Mutter hatte neulich mal wieder schlecht über unsere Nachbarin gesprochen, erinnere ich mich. Ging es um den Gärtner? Oder die Dachpfannen?
Ich nenne Sabine Jansen immer noch „unsere“ Nachbarin, obwohl ich das Doppelhaus, das meine Mutter und sie jeweils zur Hälfte am Rande einer Stadt bewohnen, bereits vor über fünfundzwanzig Jahren verlassen habe. Damals lebten ihr Ehemann und mein Vater noch und es gab, abgesehen von der gemeinsamen Einfahrt, keinen Grund, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die Jansens hatten keine Kinder, waren Banker und spielten Golf. Wenn sie klingelten, dann um sich über mein Klavierspiel oder das meines Bruders zu beschweren. Nach dem Tod ihres Mannes, ein Herzinfarkt beim gemeinsamen Joggen durch den Wald, begann sie zu trinken und wurde etwas anhänglicher. Im Vollrausch hörte sie „Nur Mensch“ von Herbert Grönemeyer in Endlosschleife und glaubte, übers Schneiden der Rosenhecke hinweg, die ihre Terrasse von unserer trennt, Freundschaft mit meinem Vater zu schließen. Er sagte dazu: „Einer Witwe hilft man, wo man kann.“ Nach seinem Tod brachte sie meiner Mutter Essensreste vorbei, sie hatte sich angewöhnt, Drei-Gänge-Menüs in den umliegenden Asia-Restaurants zu bestellen und nach Hause liefern zu lassen. Meine Mutter sagte, das Essen schmecke ihr nicht „zu viel Glutamat“ und „was für eine Zicke“. Warum ruft sie mich an?
„Ja, Hallo Sabine“, sage ich. „Ja, Antje, hier ist Hildegard, ich stehe vor Eurem Haus und die Feuerwehr und der Notarzt, also sie steigen jetzt durchs Klofenster, die haben das eingeschlagen, hast Du die Nachricht Deiner Mutter gesehen? Sie hat gesagt, sie hätte Dir auch geschrieben“. „Was welche Nachricht? Nein, ich habe keine Nachricht bekommen, was ist denn los?“ Ich krame in meinem Gedächtnis nach einem Gesicht zur hastigen Stimme, fremde Männer im Hintergrund. „Deine Mutter hat gestern Abend komische Nachrichten an Angela und mich verschickt und dann habe ich sie nicht erreicht und bin hierher gefahren und hab mir Sorgen gemacht, dass sie Dummheiten gemacht hat, ich habe Sturm geklingelt und die Feuerwehr gerufen.“ Stille. „Warte, jetzt sind sie drin, warte, warte, Oh Gott…“. Ich sehe den gepflasterten Weg zwischen den Haustüren des Doppelhauses vor mir. In der Hauswand aus rotem Backstein Jansens Küchen- und gleich daneben etwas kleiner unser Gäste-WC-Fenster. Von unserem Flur führt hinter der Garderobe die Treppe im Bogen hoch ins Schlafzimmer meiner Mutter. Rechts der Kleiderschrank, links das Bett, herunter gelassene Jalousien, Rettungssanitäter, die dreckige Fußabdrücke auf dem hellen Teppichboden hinterlassen. Meine Mutter hatte ihn gerade erst neu verlegen lassen. Es ist dunkel. Hitze überflutet meinen Kopf und in meinen Ohren rauscht das Blut. Sekunde um Sekunde um Sekunde um Sekunde vergeht, bis die Frau namens Hildegard durch die Stille ruft „Sie lebt. Gottseidank.“
Hildegard könnte zu einer der Frauenrunden gehören, mit denen meine Mutter Karten oder Mahjong spielt. Viele von ihnen sind älter als sie und müssen sich ebenfalls als Witwen durchs Leben schlagen. Hat Hildegard aufgelegt oder ich? In der Aufregung werden Konventionen immer als allererstes über den Haufen geworfen.
Ich halte das Telefon an die Brust und schaue aus dem Fenster. „Was ist los?“ ruft Emeric mir in den Rücken. Die Krähe ist weggeflogen, Kinder rennen über die Straße hin zum Park, der gegenüber unseres Hauses liegt. Ein paar Grabmale in den Büschen erinnern daran, dass dort früher einmal Leichen bestattet wurden. Die Kinder des Viertels lieben es, auf ihnen herumzuklettern. Ich könnte mir eine Zigarette auf dem Balkon anzünden oder zurück zum Schreibtisch gehen. Vor eineinhalb Jahren hat mir ein Psychiater gesagt, der meine Mutter seit vielen Jahren betreute, ich dürfe in so einer Situation auf keinen Fall den Kopf verlieren. „Alles stehen und liegen lassen“ würde ihr, wenigstens aus therapeutischer Sicht, ein falsches Erfolgserlebnis bescheren. Mit der Hitze in meinem Kopf fällt mir das Denken schwer. Ich fasse mir ins Gesicht und schaue Emeric an: „Habe ich Fieber?
Ich wische mich zu Sabine Jansen zurück. Ein, zwei, drei läutende Freizeichen. „Ja, Antje“, sagt sie, „ich geb Dir mal die Polizistin, die sind hier mit drei Wagen eingerückt, das glaubst Du nicht“. Okay. „Ja, hier Schulze.“ „Guten Tag, hier spricht die Tochter, können Sie mir sagen, wie es meiner Mutter geht?“ „Die ist auf dem Weg ins Krankenhaus, mehr weiß ich auch nicht.“ „Welches Krankenhaus denn?“ „Moment“. Kurze Absprache im Hintergrund, zwischen Schritten und Autotüren. Unsere Einfahrt wird von zwei Carports flankiert, nach dem Verkauf des alten Mercedes meines Vaters parken unter dem weiß lackierten Dach unseres dicke SUVs. 100 Euro kostet die Miete eine Frau, die vor ein paar Jahren in eines der Neubauten entlang der Straße gezogen ist, glaube ich. „Ins Hansdorf.“ „Okay, Danke.“ „Ja, tschüss.“